Zum Schämen?

von Barbara Rolf, Juni 2025

„Es wäre besser, wenn du jetzt gehst.“ 

Mit diesem Satz hatte ich nicht gerechnet, als ich am ahorn-Stand auf der LEBEN UND TOD einen Origami-Vogel für meine Tochter faltete. 

 

Doch im Nachhinein wurde mir klar, warum viele sagten, es sei „mutig“ oder „stark“ von mir, dort zu erscheinen. 

 

Auf dem Weg zur Messe fragte eine Freundin: „Wie ist es für dich, jetzt dorthin zu gehen und den Leuten von Ahorn zu begegnen?“ „Ich freue mich“, antwortete ich. „Ich habe mich immer auf die LEBEN UND TOD gefreut. Und auf den Großteil meiner Kolleg_innen freue ich mich auch.“ 

 

Vor Ort musste ich erkennen: Diese Freude beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Jedenfalls nicht mehr. Menschen, die nach meiner Kündigung betont hatten, den Kontakt halten zu wollen, behandelten mich plötzlich wie Luft. 

 

Wenige Tage später teilte mir die Projektleiterin - die ich bislang für eine langjährige Freundin hielt - mit, dass sie für ein persönliches Gespräch, um das ich sie gebeten hatte, nicht zur Verfügung stehe. Ich möge dafür Verständnis haben, schrieb sie. Doch wie soll ich etwas verstehen, das mir nie erklärt wurde? Also nein, ich habe kein Verständnis dafür, nehme es jedoch zur Kenntnis. Niemand muss bzw. soll mit mir sprechen, die_der nicht will.
 

Erst allmählich wurde mir bewusst, dass ich im Zusammenhang mit meiner intransparenten Entlassung, für die ich inzwischen einfach nur dankbar bin, auch noch Ausgrenzung und Demütigung in Kauf nehmen muss. Eine Freundin verließ die Messe vorzeitig, weil sie unter dem feindseligen Vibe gelitten hat. „Ich halte solche extremen Formen von Mobbing nicht aus.“ Wie traurig ist das? Und das noch im Kontext einer Veranstaltung, die auf allen erdenklichen Ebenen Inklusion, Toleranz und Vielfalt thematisiert.

Fast schon ironisch, wenn es nicht so erschreckend wäre, ist die völlige Inkompetenz mancher Personen, die sich eines modernen Umgangs mit Endlichkeit rühmen, mit etwas umzugehen, das zu Ende ist. 

 

Übrigens: Meinen tiefen Respekt an die Kolleg_innen und Kooperationspartner_innen von Ahorn, die mich trotz allem begrüßt, gesprochen, umarmt oder sich mit mir gezeigt haben. Das ist eine Charakterleistung, vor der ich meinen Hut ziehe. Unendlich leid tut mir die Verunsicherung, die den meisten von ihnen anzumerken ist. Vermutlich, weil sie nicht abschätzen können, welche Konsequenzen das für sie haben wird. 

 

Das Paradoxe daran: Ich selbst habe den Boden für diese Feindseligkeit maßgeblich mitbereitet. 

Ohne mich - keine Ahorn-Karriere derer, die mich heute meiden. 

Ohne mich - keine ahorn Kultur. 

Ohne mich - keine Weiterführung der LEBEN UND TOD. 

Ohne mich - kein annährend so verbessertes Image der Ahorn Gruppe. 

 

Vielleicht ist genau das der Grund für die neue Arroganz? 

Ich bin sicher, sie wissen, wie fragwürdig und beschämend ihr Verhalten ist. 
Scham ist ein höchst unkomfortables Gefühl, das wir häufig in das „Stärkegefühl“ der Überheblichkeit umwandeln. Doch richtig wohl fühlen wir uns nur auf Augenhöhe. Die gibt es weder bei Scham noch bei Arroganz, sondern dazwischen. Es lohnt sich immer, sich darum zu bemühen. 

 

Ich denke, ich komme klar mit diesen Verlusten. Das Leben hat mich darin geschult. Und ich darf weiterlernen. 

Auch sehe ich die Chance, dass sich mein Umfeld – privat wie beruflich – neu sortieren, fokussieren und schärfen kann. 

 

Der Transparenz und Fairness halber, damit niemand ungewollt in schwierige Situationen gerät: Wer mit mir Projekte macht, muss aktuell davon ausgehen, dass das bei Ahorn nicht positiv aufgenommen wird. Das belegen konkrete Rückmeldungen. Ich möchte Kollateralschäden vermeiden und wünsche mir, dass Entscheidungen informiert und bewusst getroffen werden können. 

 

So weit, so gut. 

 

Was jedoch noch bleibt, ist eine bohrende Frage: 

Hatten all jene doch recht, die meine Ahorn-Zeit deutlich bis scharf kritisiert haben? 

War ich tatsächlich nur ein Marketing-Coup für einen Konzern? 

Ging es wirklich nur darum, meinen Leumund zu nutzen, um sich in einem besseren Licht zu präsentieren? 

War schon lange klar, dass man mich „entsorgen“ würde, sobald ich andere groß genug gemacht hatte, um bequemer als mit mir zu Prestige und finanziellem Erfolg zu gelangen? 

 

Ich weiß es nicht. 

Noch vor wenigen Wochen hätte ich Stein und Bein geschworen, dass dieser Konzern wirklich für Vielfalt und Menschlichkeit steht – wie es in der unter meiner Federführung entwickelten Haltung steht: „Unser Kraft ist die Vielfalt. Unser Antrieb ist die Menschlichkeit.“ 

Für mich und für manch andere ist in dieser Vielfalt kein Platz mehr.
Und ich beobachte mit Bedauern, dass sich die „Menschenfreundlichkeit“ mehr und mehr auf eine sehr selektive Zielgruppe bezieht. 

Mir ist klar, dass ich auf einem solchen Weg kein passender Teil mehr bin – und möchte es auch nicht sein. Aber das hätte man doch einfach offen sagen können. Exklusive Angebote sind bestimmt toll, doch nichts, wofür ich angetreten bin oder antreten würde. 

Soziale, ökologische und gesellschaftliche Verantwortung zählt offenbar, solange sie wirtschaftlich nützt. 
Das hätte ich wohl sehen können, doch vermutlich wollte ich es nicht. 

 

Vielleicht habe ich acht Jahre lang nicht kapiert, dass ich an einer Fassade schrubbe. 

Etwas salonfähig mache, das in keine Besenkammer gehört. 

Menschen auf Podeste hebe, die dieser Position nicht gerecht werden können. 

 

Falls das so war, tut es mir leid. 

Und zugleich vergebe ich mir. 

Denn ich habe geglaubt, am Innersten zu arbeiten – nicht an der Oberfläche.
Ich war von der Integrität von dem, was ich tat, zu jeder Zeit überzeugt. 

 

Ich weiß auch, dass viele dort arbeiten, für die das Gleiche gilt. Ich wünsche ihnen, dass sie viel Gutes bewirken können. Und dass man sie nicht entsorgt, sollten sie unbequem werden. 

 

So froh ich bin, heute wieder in kleineren Kontexten arbeiten zu können, so halte ich doch an der Überzeugung fest, dass auch große Unternehmen solidarisch, fair, partnerschaftlich, nachhaltig und gemeinwohlorientiert arbeiten können. 

Natürlich erfordert das mehr als schöne Worte und Bilder. Maßnahmen, Investitionen, Entscheidungen. Und Haltung, Rückgrat, Weitsicht und echte Augenhöhe. 

Doch genau „die Großen“ sind in der privilegierten Situation, sich all das leisten zu können. 


Das mag kurzfristig (ich will nie wieder das Wort „Quartal“ hören!) Geld kosten, doch ich mache jede Wette, dass sich das mittel- und erst recht langfristig auszahlt – unternehmerisch und menschlich. Für den Konzern, die Mitarbeitenden, die Partnerschaften, die Kundschaft, für Branche und Gesellschaft. 

 

Das war meine Vision, als ich mit voller Überzeugung für Ahorn gearbeitet habe. 

War es naiv? Vielleicht.
Doch es war ehrlich. 

Und dafür schäme ich mich nicht.