Lebenssatt
von Barbara Rolf, März 2025
Wir treffen uns in Berlin-Neukölln, und ich weiß sofort, dass mir dieser Mensch sympathisch ist. Auch, dass ein interessantes Gespräch vor mir liegt, schonungslos offen, geradeaus, ehrlich.
So war er wohl immer, vermute ich. Und jetzt hat er auch keinen Grund mehr, um den heißen Brei herumzureden, um es seinem Gegenüber behaglicher zu machen. Weil er, möglicherweise das erste Mal in seinem Leben, seine eigenen Bedürfnisse über die anderer stellt. Weil er jetzt aufhören will mit Kompromissen, Runterschlucken, Aushalten, Durchhalten. Weil er auf der Zielgeraden ist und sterben wird – aus Lebenssattheit.
Wir kennen uns keine drei Minuten, als er mir das „Weißbuch Freitodbegleitung 2022“ auf den Tisch legt. „Das kannste behalten, ich brauche es nicht mehr.“
Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben dokumentiert darin die 229 Freitode, die sie 2022 vermittelt hat. Außerdem kann man sich zur aktuellen Rechtslage informieren und zu den damit verbundenen Debatten. Spannend, denke ich, und wundere mich, dass selbst ich noch Wissenslücken diesbezüglich habe, obschon ich noch nie Berührungsängste mit der Thematik hatte und im „Todeskontext“ arbeite.
Wenn er von Lebenssattheit spricht, meint er genau das. Dass er es satthat. Dass er sich das nicht weiter antun möchte, weder das, was er sieht, wenn er in die Welt schaut, noch das, was das Älterwerden mit ihm macht, auch nicht das, was aus der Verbindung von beidem resultiert.
Dass diese Erde von Sommer zu Sommer heißer wird und er die Hitze von Sommer zu Sommer noch schlechter vertragen kann als ohnehin schon immer.
Dass er sieht, wie größer die Strukturen und Kontexte stetig werden, in denen unsere Welt „funktioniert“ und wie unbedeutender dadurch der einzelne Mensch, die regionalen Geschäfte, die kleinen Erfolge werden. Wie Ungleichgewicht und Ungerechtigkeit gedeihen und es immer schwieriger wird, dem etwas entgegenzusetzen.
Dass er seit einer OP einen Teil seines Gesichts nicht mehr spürt, nicht mehr merkt, wenn er sich beim Rasieren schneidet. Natürlich weiß er, dass das nicht mehr besser wird und dass das nur der Anfang ist von immer größeren körperlichen Einschränkungen. Er respektiert, wenn Menschen das hinnehmen, er selbst möchte das nicht.
Dass er jährlich mehr Freunde begraben muss als er neue findet, nicht, weil andere kein Interesse an ihm hätten, sondern weil ihm die Lust auf Smalltalk fehlt und zugleich die Kraft, eine tiefe Verbindung aufzubauen.
Dass das Leben insgesamt beschwerlicher wird, viel weniger spontan geht, weil es viel mehr zu beachten gibt als früher. Wie weit man mit dem uralten Auto noch guten Gewissens fahren kann zum Beispiel, weil jeder weitere Kilometer einem Wunder nahekommt. Wie abgeschieden eine Gegend sein darf, um noch liegenbleiben zu können. Wie viel Fußweg man noch schaffen würde, wenn es darauf ankäme. Was überhaupt noch geht, was heute schon kaum und morgen nicht mehr gehen wird.
Selbst dysthymisch veranlagt (ich umschreibe das als „depressives Grundrauschen“), habe ich viel Verständnis für solche Gedanken und den Wunsch, all das hinter sich zu lassen.
Und ich spüre einen gravierenden Unterschied: Charly wollte eigentlich nie leben.
Ich wollte (und will), doch es fällt mir schwerer als Nicht-Depressiven, mal mehr und mal weniger.
Was für eine Lebensleistung, denke ich, 76 Jahre auf und in dieser Welt zu sein, ohne es jemals wirklich, also von ganzem Herzen zu wollen.
Ich finde mich selbst schon tapfer, doch Charlys Durchhaltevermögen verweist meines eindeutig auf einen niedrigeren Rang.
Noch sprachloser macht mich, wie tief, bewusst und berührbar er sich auf das Leben eingelassen hat, obschon es ihm immer auch zuwider war.
Neben seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und seiner Bereitschaft, sich eigene und gründliche Gedanken über die Dinge zu machen, fasziniert mich vor allem die Bedingungslosigkeit, mit der er Menschen zur Seite steht.
So war er jahrzehntelang für einen Freund da, der an Schizophrenie litt. Rein in die Klinik, raus aus der Klinik, Krisen, bessere Zeiten, Komplikationen, Fortschritte, Rückschritte. Einer war immer da, Charly, der sah und nicht verstehen konnte, wie der Parkplatz eines randvollen Klinikums selbst an Sonn- und Feiertagen gähnend leer sein kann.
Und als ein anderer Freund an Krebs erkrankte, war er auch da. Zwar war er erstaunt, als er hörte, dass der Freund trotz miserabler Prognose alles Menschenmögliche tun wollte, um Lebenszeit zu gewinnen. Unvorstellbar für ihn selbst, doch Charly respektierte die Haltung seines Freundes und ging mit ihm den teilweise extrem harten Weg, bis er zum Schluss in seinem Beisein verstarb.
Erst vor wenigen Tagen war er bei der Bestattung seiner Schwester. Dass er seit frühester Kindheit daran gezweifelt hat, mit ihr verwandt zu sein, dass sie im Grunde keinen Kontakt mehr hatten, waren für ihn keine Gründe, den Termin verstreichen zu lassen. Auch, um seinen Schwager nicht einsam hinter der Urne hergehen zu lassen, nahm er an der Beisetzung teil.
Sogar Dankbarkeit und Zufriedenheit finden Raum, wenn er auf sein Leben zurückschaut – auf das Leben, auf das er zu jeder Zeit dankend verzichtet hätte.
Ich habe Gänsehaut, als er uns darlegt, dass keine Generation vor und nach ihm so eine lange Friedens- und Wohlstandsperiode erleben durfte und darf, wie seine. Diesbezüglich habe er schon das ganz große Los gezogen. „Erst jetzt, wo ich über 70 bin, muss ich mich mit so einer Scheiße beschäftigen. Jahrzehntelang hatte ich nichts damit zu schaffen. Wer jetzt geboren wird, in die Welt und in die Zukunft blickt … schlimm!“ Er schüttelt den Kopf und winkt müde ab. Ich denke an meine kleine Tochter, an die Fragen, die ich mir seit der Schwangerschaft immer wieder stelle, doch auf die nur ihr Leben eine Antwort geben kann. Ich sende ein Stoßgebet wohin auch immer und wünsche mir, wünsche ihr, dass sie hat, was sie braucht, um gerne in diesem Leben zu sein – trotz aller Widrigkeit und vielleicht sogar auch wegen dieser.
Während ich von einem seiner Freunde begeisterte, ja bewundernde Worte zu Charlys tontechnischen Fachkenntnissen gehört habe, stellt er auch seine beruflichen Erfolge nicht heraus. Doch zwischen den Zeilen wird schon deutlich, dass er verdammt gut konnte, was er gemacht hat, und dass er bisweilen viel Spaß daran hatte. Ich ahne, dass sich auch sein Beruf unter dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel gravierend verändert hat. Die feinen Unterschiede, das solide Handwerk, das wertige Klangerlebnis verloren zunehmend an Bedeutung, je oberflächlicher, kurzlebiger und beliebiger Unterhaltung wurde. Es freut mich für Charly, dass sein Fachgebiet nicht obsolet wurde, sondern sich nur auf eine viel kleinere, dafür umso affinere Zielgruppe fokussierte. Er war nicht nur eine Koryphäe, er ist eine.
Dankbar ist er auch für echte Freundschaft, die er erleben durfte. Auch deswegen, weil er in der Schulzeit das Gegenteil erfahren hat und gemobbt wurde.
Charly zum Freund zu haben, ist zweifellos ein Pfund, denke ich mir.
Sein Freund Michael bestätigt das. Er kennt Charly seit Jahrzehnten, und ich spüre eine tiefe Verbundenheit. Er beschreibt ihn als einen guten Kerl, mit dem er sich immer gerne unterhalten hat. Ich habe den Eindruck, er bewundert ihn auch für das, was er fachlich draufhat und dafür, wie er durchs Leben geht. Für seine Entscheidung, nun mit Termin von der Bühne des Lebens zu gehen, kann er nachvollziehen und unterstützt seinen Freund auf diesem Weg. Auch wenn er ihn schmerzlich vermissen wird und schwer schluckt, wenn er ausspricht, dass Charly sterben will und sehr bald sterben wird.
Erlebnisse, die ihn ebenfalls mit Freude und Dankbarkeit erfüllen, verschafften ihm das Reisen. Vor allem das Elsass wurde zum geliebten Ziel, Auszeiten von Berlin und von allem, ein bisschen heilere Welt …
Am dankbarsten ist er für Heike, seine Lebensgefährtin seit über 20 Jahren. „Nicht irgendwie ok, sondern gut, richtig gut, einfach gerne zusammen sein, das will etwas heißen.“
Geheiratet haben die beiden nie. Eine amtliche Ehe hatte Charly hinter sich, das reichte ihm. Just bei der Verkündung des Scheidungsurteils schlug im Hof des Amts der Blitz ein – wir amüsieren uns köstlich, als er das erzählt.
Überhaupt bringt er uns oft zum Lachen, staubtrocken und immer wieder überraschend ist sein Humor.
Beim Notieren der Daten, die im Sterbefall amtlich relevant sein werden, stellen sein Bestatter und Charly fest, dass sie im gleichen Standesamt geheiratet haben – der Bestatter ein paar Jahrzehnte später und aktuell auch im Scheidungsprozess.
„Und, hast du dir auch eine Jüngere genommen?“, fragt ihn Charly.
„Ich habe einen sieben Jahre jüngeren Mann geheiratet.“
Wenige Sekunden lässt Charly seinen Blick auf ihm ruhen. Wir können ihm zuschauen, wie er die Information im Kopf und im Herzen bewegt.
„Ja, das geht natürlich auch“, sagt er dann.
Als Charly mit Heike zusammenkam, war heiraten kein Thema mehr. Jeden Tag neu Ja zueinander sagen, aus unterschiedlichen Wohnungen immer wieder aus freien Stücken zueinanderkommen, das sagt für ihn alles. „Wir müssen nicht, wir wollen zusammen sein.“
Von seinem Sterbewunsch spricht er die ganze Zeit über ohne Zögern, ohne Rührung mit großer Klarheit und fester Stimme. Nur wenn er von Heike spricht, mischt sich Bedauern darunter, wird er leiser und sagt auch, dass es ihm ihr gegenüber sehr leidtut. Er versteht, dass sie ihn behalten möchte, „aber wenn es nach ihr ginge, müsste ich 115 werden“. Es fällt ihm schwer, ihr das zuzumuten, doch er tut es, weil er weiß, dass das für ihn richtig ist und sie das schaffen wird. Mehr noch, denke ich, sie werden das gemeinsam schaffen.
Es reicht ihm. Er hat nur noch den einen Wunsch, einen Punkt zu machen.
Bereitwillig gibt er uns Anteil an dem, was er herausgefunden und wofür er sich entschieden hat.
In einem Brief an die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e. V. wird er einen Antrag auf assistierten Suizid stellen. Assistierter Suizid ist in Deutschland erlaubt. Die DGHS wird ihn mit einem Arzt / einer Ärztin und einem Notar / einer Notarin in Verbindung setzen, die seinen Antrag prüfen. „Vor allem müssen die sicher sein und dokumentieren, dass du noch alle Ritter auf der Burg hast“, bringt es Charly auf den Punkt. Dann werden sie mit ihm alles Notwendige vorbereiten, um seinen selbstbestimmten Tod auf gute Weise und im legalen Rahmen herbeizuführen.
Wäre ein assistierter Suizid in Deutschland nicht möglich, würde Charly seinen Entschluss zu sterben, auf anderem Wege in die Tat umsetzen. Zwei von fremder Unterstützung unabhängige Suizidarten kämen für ihn in Frage, er hat sie gründlich recherchiert und ist vorbereitet. Halbe Sachen oder gar Pfusch sind nicht sein Ding.
Auch deshalb will er geregelte Verhältnisse. Einen Termin, einen Ablauf, der den Beteiligten bekannt ist, einen Rahmen, der diesen Schritt erträglich macht – für ihn und für die, die ihn ziehen lassen müssen. Heike wird dabei sein, wenn er die Infusion öffnet, ein Freund der beiden ebenso.
Er will nicht, dass ihn jemand auffinden muss, er will niemanden ungefragt mit reinziehen, schon gar nicht will er „zu früh“ aufgefunden werden, um der Welt danach noch hilfloser ausgeliefert zu sein.
Dass Charly auch in diesem Zusammenhang an andere denkt, wundert mich nicht. Es ist nur folgerichtig, denn das hat er wohl zeitlebens getan. Dass er auch sich selbst einen sicheren und würdevollen Abschluss gönnt, freut mich.
Und ich gönne ihm, dass er bald ausruhen kann, befreit vom Ballast eines Lebens, für das er sich nie gemacht fühlte und durch das er die Welt dennoch so bereichert hat - als Freund, Partner, Mitdenker und Kreativer, als jemand der anpackt, mitfühlt, hilft, hinsieht, zuhört.
Selbst ich, und ich kannte ihn nur kurz, werde ihn vermissen und bin dankbar, ihm begegnet zu sein.
Lebe wohl, Charly, Chapeau!
Charly starb am 17. März 2025.
Ich danke ihm von Herzen für die Erlaubnis, diesen Text posthum zu veröffentlichen und in die wichtige Diskussion über Möglichkeiten am Lebensende einzubringen.
Reaktionen
Prima, dass Sie diese wunderbare, Mut machende Geschichte teilen.
Ein großes Dankeschön dafür. ❣️
Danke. Einfach danke.
Auf Social Media lese ich solche langen Texte eigentlich nicht. Bei dir, liebe Barbara, mache ich eine Ausnahme - weil ich weiß, dass ich sowohl inhaltlich als auch vom Schreibstil einen Wert erhalte. Etwas Schönes, Kostbares, Tiefgehendes ... Danke.
Danke für diesen Text. Ich musste vor kurzem wieder an den Film »Harold and Maude« denken und wie ich schon als Jugendliche großen Respekt vor Maudes Entscheidung hatte. Und auch vor Charlys Entscheidung habe ich das.
Ich verstehe ohnehin nicht, warum dieses Thema nicht offen besprochen werden kann (aber ich verstehe, dass das Gespräch nicht so leicht auf Social Media geführt werden kann).
Danke für diesen Text, liebe Barbara. Wie du weißt, bin ich eine glühende Freundin und Verfechterin des „Leben bis zuletzt“ und der palliativen Versorgung am Lebensende mit ihren vielen Möglichkeiten. Texte wie dieser regen auch mich immer wieder zur Reflexion an und lassen mich meine Haltung kritisch überdenken. Charly hat sich entschieden, sein „zuletzt“ selbst zu bestimmen - Respekt. Trotzdem wünsche ich mir, dass die Menschen mehr über die tatsächlichen Möglichkeiten am Lebensende erfahren.
So schön geschrieben! Fly high, Charly.
Danke für diesen wunderbaren Text.
Und danke, dass euch dieser Mensch so einen langen Text wert war. 💚
Wow, das macht nachdenklich. Ich finde gut, dass es die Möglichkeit gibt.
Jetzt hat Charly seinen Frieden gefunden. 💫
Was für eine Geschichte, so klar, so ehrlich.
Sie macht nachdenklich, gerade was das letzte Kapitel im Lebensbuch betrifft.
So schöne Worte hast du da gefunden!
Hammer Beitrag. Danke!
Dankeschön fürs Teilen … Auch mir geht es teilweise so … Gefangen in schweren Depressionen und tiefster Trauer … Ich denke oft drüber nach, was wäre wenn … Aber ich habe meiner kleinen auf dem Sterbebett versprochen, es nicht zu tun … Also kämpfe ich mich nun seit 12 Jahren so durchs Leben … In der Hoffnung, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich liegen bleiben darf ...