Der Tod und ich
von Barbara Rolf, 2021
Der Tod fragt nicht, ob er in dein Leben kommen darf. Er kommt.
Er fragt nicht nach dem Wann, dem Wie, dem Wo und auch nicht nach dem Wer.
Die Frage nach dem Warum bleibt ohne Antwort.
Wir können nicht mit ihm verhandeln, er ist unbestechlich und unerbittlich.
Und doch ist er kein Feind unseres Lebens. Das weiß ich heute. Er hasst uns nicht, und will uns nicht quälen. Er ist einfach da. Und er ist wichtig. Er macht Leben kostbar, jeden Augenblick einzigartig. Er stellt uns die Frage nach Sinn und Werten, weckt unser Bewusstsein und vielleicht unsere Spiritualität.
Er schafft auch Platz für neues Leben.
Als sich mein Bruder am 2. März 1997 das Leben nahm, hat der Tod mein Leben radikal verändert. Seither gibt es für mich die Zeit davor und die Zeit danach. Eine ähnlich starke Zäsur auf dem Zeitstrahl meines Lebens hat nur noch die Geburt meiner Tochter gesetzt. Geburt und Tod, hier verdichtet sich Leben, schmerzhaft, wundersam, groß. So groß, dass wir danach von Grund auf verändert sind.
Der Tod meines Bruders hat sich so gewaltig auf mein Leben ausgewirkt, dass ich noch heute täglich die Folgen spüre.
Eine Konsequenz aus seinem für mich traumatischen Sterben ist meine Berufswahl.
Bestatterin.
Was einst ganz unvorstellbar war, ist durch seinen – ebenfalls unvorstellbaren – Tod zu meiner Passion geworden.
Nach einem Blick in die Sternenkonstellation zum Zeitpunkt meiner Geburt meinte eine Astrologin: „In den vielen Jahren meiner Arbeit habe ich noch kein Horoskop gesehen, in dem der Tod eine so gewaltige Rolle spielt. Besonders spannend ist, dass das Leben fast gleich stark darin vorkommt, nicht als Gegensatz, sondern miteinander verwoben. Deine Berufswahl und deine Arbeitsweise entsprechen dieser Bestimmung vollkommen.“ Bis dahin hatte ich mir nicht viel aus Astrologie gemacht, das ist heute anders.
Vieles, nahezu alles ist heute anders, mein Denken, mein Handeln, mein Glauben. Es gibt kaum etwas, auf das Tod und Leben im Laufe der Jahre kein anderes Licht geworfen haben. Davon will ich hier erzählen, ebenso von den Trauernden und den Verstorbenen, die ich begleiten durfte, von Abschiedsfeiern, Traueransprachen und Musik, von selbstgebauten Särgen und ausgefallenen Urnen, von meinem Leben mit dem Tod.
Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich im Laufe der Jahre bestattet habe und wie viele Trauernde begleitet. Es sind beeindruckende vierstellige Zahlen, und manchmal stelle ich sie mir alle in einem Raum vor, die Toten und die Lebenden. Das ist ein unfassbares Bild. Dieses Unfassbare trage ich in meiner Erinnerung und auch in meinem Körper.
Immer wieder tauchen wie aus dem Nichts Szenen, Menschen, Situationen auf, die ich längst vergessen glaubte. Sie sind es nicht.
Jeder Trauerfall war einzigartig, jede Begegnung war es, jedes Leben für sich ist eine ganze Welt, ein ganzer Kosmos. Zugleich sind all diese Einzelmomente auch in große, übergeordnete Kapitel zusammengeflossen, die mich geprägt haben. Davon zu erzählen ist mir ein Bedürfnis, das im Laufe der Jahre immer größer wurde.
Es fehlte immer die Zeit für Verarbeitung. Das merke ich heute. Dass ich übervoll bin mit Bildern, Worten, Emotionen - fremden und eigenen. Als hätte ich jahrelang nur ein- doch kaum ausgeatmet, nur zu mir genommen, doch kaum verdaut. Darum hat das Projekt FRAU TOD auch das Anliegen, das Zuviel in meinem Innern nach außen zu bringen, aufzuräumen, zu sortieren, Raum zu schaffen für das Neue, das kommen will und ja längst da ist.
Ich glaube außerdem, dass die Geschichten es wert sind, weitererzählt, gehört und gelesen zu werden.
Und sie haben, so denke ich, das Zeug dazu, uns den Tod näher zu bringen, ihn uns vertrauter zu machen und als wichtigen Teil unseres Lebens anzunehmen.
Natürlich ist so ein Redaktionsprozess immer auch Reduktion, Konstruktion, Interpretation. Doch mein Anspruch ist es, in all dem möglichst nah am Wahren und Wirklichen zu bleiben. Dazuerfinden muss ich nichts. Niemals könnte ich aufregendere und bessere Geschichten erdenken als die, die mein Leben geschrieben hat.
Reaktionen
Danke für diese Zeilen, danke für die Begegnung, danke für den Anstoß, die Sichtweise auf den Tod geradezurücken. Und für das Abbiegen in eine andere Richtung.
Von ganzem Herzen DANKE, liebe Barbara, für DICH und dein SO SEIN. Ich werde dir auf ewig dankbar sein, für das WUNDERvolle Praktikum bei dir in deinem Bestattungsinstitut und das anschließende "Mutige Schritte"- Projekt. Beides hat meinem Leben einen noch tieferen Sinn gegeben und mich inspiriert, selbst "Das letzte Fest der Liebe" für Menschen zu gestalten.
All dies wäre ohne dich niemals so geschehen. HERZENSDANK, du bist solch ein SEGEN.
Und alles Wahre und Wirkliche wirkt. Ich lese hier sehr gerne. Und halte es für immer möglicher, sich mit Tod und Sterben ... befreunden zu können. Danke.