Abholung aus einem Pflegeheim - so geht es also auch

von Barbara Rolf, April 2014 

Wir hatten eine Abholung in einem Seniorenheim, das wir noch nicht kannten. Daher rief ich vorab an, um zu fragen, was zu beachten ist und wie wir anfahren sollen. "Halten Sie einfach direkt vor dem Haus, vor der großen Glastür, und kommen Sie durchs Foyer." Aha ... 
Nicht durch den Hintereingang? Nicht durch den Keller? Wir sollen tatsächlich nicht so tun, als gäbe es uns und das Sterben und den Tod nicht? Gut! 

Wir fahren vor. Die Dame von der Rezeption kommt uns strahlend entgegen und begrüßt uns mit Handschlag. "Willkommen!" Aha ... 
"Die Familie erwartet Sie, es sind alle beisammen." Sie zeigt uns das Appartement der Verstorbenen, klopft an, wartet, bis die Familie öffnet, obschon die Türe offen ist und sie auch einfach hereinstürmen könnte. "Die Bestatterin ist da", sagt sie, ganz normal und irgendwie heiter. Die Angehörigen begrüßen uns und sind dankbar: "Das klappt ja ganz toll." 
Sie erzählen, wie alles war, dass die Mutter nun doch plötzlich gestorben ist. Wir gehen zu ihr und sehen, dass ihr Tod wohl schnell und friedlich war. Wir sehen, dass sie gerne gelesen hat, sich für Planeten und Kulturen interessierte, einen besonderen, modernen Geschmack hatte. Die Familie bestätigt das und freut sich, dass das auch jetzt, da sie tot ist, spür- und sichtbar bleibt. 

Wir hüllen sie in ein Leintuch, legen sie auf die Trage und bedecken diese mit ihrer bunten afrikanischen Decke. 
Ihr Enkel will sie hinaustragen. Ich habe nichts dagegen, freue mich sogar über die unerwartete Unterstützung und überlasse das gerne ihm und meinem Mitarbeiter. So kann ich vorausgehen, die Türen und das Auto öffnen. 
Als wir ins Foyer kommen, sitzen dort viele alte Menschen, Hausbewohner_innen, die sich schön angezogen haben. Ich erschrecke kurz, weil die meisten Heime dafür sorgen, dass die Toten möglichst unbemerkt aus dem Haus geschafft werden. Was ist da schiefgelaufen? Warum ist der Raum voller Menschen, den wir jetzt durchqueren müssen? Da kommt die Dame von der Rezeption auf uns zu, lächelt uns an und sagt: "Ich habe allen im Haus, die sie kannten, Bescheid gesagt. Sie möchten ihr Lebewohl sagen." Aha ...
Als wir die Verstorbene in den Raum tragen, stehen alle auf, weinen, winken, beten, lächeln ... Vielleicht haben sie sich auch ein bisschen gewundert über die bunte afrikanische Decke, in die sie gehüllt war und über den üppig tätowierten Enkel, der seine Oma zum Bestattungsfahrzeug trug, aber es war, glaube ich, für uns alle ein sehr bewegender, besonderer Moment. 

Auch wenn ich nachmittags - da will ich ehrlich sein - geflucht hatte, dass ich aus Kapazitätsgründen die Überführungsfahrten mitmachen musste, im Rückblick, bin ich sehr, sehr dankbar für diese Augenblicke. Sie waren erfüllend und lehrreich für mich.
So nehme ich mir vor, noch mutiger, offensiver zu werden, Sterben, Tod und Trauer noch sichtbarer und erfahrbarer werden zu lassen, künftig noch natürlicher und normaler damit umzugehen.

 Reaktionen

Danke fürs erzählen dieser Geschichte! 
Wir würden als Gesellschaft, als Mensch viel erfahren, wenn das Sterben, der Tod nicht an den Rand unseres Bewusstseins gedrückt wäre.

So wunderschön!

Vielen Dank, Barbara Rolf, das ist sehr bewegend und sehr, sehr schön. Ich kenne das auch, dass Verstorbene aus Heimen abends, leise und durch den Hinterausgang 'abtransportiert' werden. Wie viel schöner ist dieses Beispiel, das sich hoffentlich schnell verbreitet und Schule macht. Ein herzlicher, würdevoller Abschied erscheint doch viel leichter zu sein, als kein Abschied, der dann ein Loch zurücklässt.

Eine sehr berührende Geschichte. Dankeschön.

Danke fürs Teilen der wertvollen Erfahrungen, Barbara Rolf!

Vielen Dank für diese wundervolle und berührende Erzählung!
Wie dankbar können wir sein für den Mut, die Herzlichkeit und die Normalität, die Bestatter:innen, Heimleiter:innen, Pflegende und Ärzt:innen im Umgang mit Sterben und Tod zeigen!
Der Tod gehört unweigerlich zum Leben dazu. Wenn wir (wieder) lernen, das zu akzeptieren, könnten wir meiner Meinung nach viele Traumatisierungen verhindern. Es gibt genug anderes Schlimmes, das auf der Welt passiert und uns verletzt 🌍💔 – da reicht die normale Trauer in all ihren Facetten völlig aus. Es braucht keine zusätzliche Tabuisierung von etwas so Menschlichem wie dem Abschiednehmen 🕊️.
Lasst uns achtsam, liebevoll und ehrlich über das Ende des Lebens sprechen – mit großen und kleinen Leuten - denn der Tod gehört ganz natürlich für jeden zum Menschsein dazu ❤️.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, Menschen auch nach ihrem Versterben als Subjekte, 
d. h. Menschen zu sehen, und nicht als reine Objekte. Bravo!

So ist es wunderbar und “einfach” Teil des Lebens. Ich wünsche mir mehr von diesem Umgang mit einer der wenigen Selbstverständlichkeiten des Lebens.

Das ist so wunderschön zu lesen, vielen Dank. Hier ist in den Heimen noch soooo viel Luft nach oben. Wenn ich sehe, wie in dem Heim meiner Mutter mit dem Tod umgegangen wird, bekomme ich Schnappatmung. Die verstehen aber nicht, was ich meine, wenn ich das Thema anspreche bzw. wollen es nicht. Die Bewohner, die einen Mitbewohner verlieren, werden null unterstützt, es wird sofort zur Tagesordnung übergegangen.

Ein toller Text.

Bei uns holen wir bei vielen Heimen zu normalen Tageszeiten und auch meist über den Haupteingang ab. Die Bewohner kamen durch diese Tür, also gehen sie auch wieder durch die selbige.

Das ist so schön! Ich hab mich schon gefreut, dass der Bestatter für meine Mutter so ein Fahrzeug mit klaren, ungetönten sehr großen Scheiben fuhr, und der Sarg mit meiner Mutter und dem üppigen Tulpenbukett so gut sichtbar durch den Ort gefahren wurde und gar nicht verschämt und versteckt. 

 Einfach schön.

Wunderbar! So oder ähnlich war es bei uns im Hospiz auch meist! Ich werde diese Geschichte in meinem nächsten Seminar vorstellen! Danke, Barbara.

Schön, wir haben es zweimal genau anders erlebt.

Wie liebevoll 🕊️. Frieden schließen mit dem Tod - das fällt mir dazu ein. 
Ich fühle mich berührt.

Was für eine schöne Geschichte - friedlich und dem Leben nah 🥲.

Es ist schön zu beobachten, dass inzwischen wieder vermehrt ein bewusstes Verabschieden kultiviert wird und damit auch eine gesunde Trauerkultur wachsen darf. Bestattungsinstitute können dazu ebenfalls viel beitragen, indem sie Familienangehörige und Institutionsmitarbeitende informieren über die vielfältigen Möglichkeiten und deren unterstützenden Wert für die individuelle Trauerverarbeitung. 
Dem verstorbenen Menschen die letzte Ehre zu erweisen und die Beziehung zu der Person zu würdigen - und zwar so wie diese war, denn das kann gerade besonders wichtig sein, wenn die Beziehung belastet war und es möglicherweise noch Unausgesprochenes gibt - ist dies das Erste was man aktiv tun kann in der erlebten Ohnmacht, die dem Tod gegenüber oft empfunden wird. 
Der bewusste Umgang mit dem Verlust, als auch mit der damit einhergehenden Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit, kann sehr essenziell werden. 
Am Lebensende ist der Spruch sehr trefflich, den ich aus der Hospizbewegung kenne: „Wenn nichts mehr zu machen ist, können wir noch viel tun.“

💘 Berührende Geschichte … Solche Pflegeeinrichtungen sollte es mehr geben. Durch deine Erfahrungen und den Post sensibilisierst du die Verantwortlichen in Pflegeheimen.

Den Mensch als Subjekt, nicht als Objekt sehen. Ein würdevoller Abschied 
im Pflegeheim. So geht es also auch.

Inspirierend, danke, Barbara Rolf.

Wow, genauso wünsche ich mir den Umgang mit Sterben und Tod. Das gemeinsame Verabschieden sollte überall zu einem würdevollen Ritual werden. Danke für die wundervolle Anregung. 

Eine sehr schöne und bewegende Geschichte, Barbara Rolf! Ein mutiges und wunderbares Beispiel, wie würde- und respektvoll und dennoch selbstverständlich und sichtbar ein geliebter Mensch aus dem Leben verabschiedet werden kann.