Die Toten (2)

von Barbara Rolf, 2022

Da ich schon immer eine Menschenfreundin war und leicht Zugang zu anderen fand, überraschte es mich nicht, dass ich auch für Verstorbene Sympathien empfand. Ich interessierte mich für sie, für ihr Leben, wollte sie gut versorgen, begleiten und würdigen. Manche wuchsen mir regelrecht ans Herz, mitunter auch zu sehr. Dann trug ich ihre Geschichten mit mir herum, hatte den Impuls, sie zu verteidigen oder ihnen etwas zuteilwerden zu lassen, was im Leben zu kurz kam, Verständnis etwa, Respekt oder einfach nur Aufmerksamkeit.

Manchmal empfand ich den Tod eines Menschen als Skandal, als abgrundtiefe Ungerechtigkeit und litt eine Zeitlang darunter. 

Vielen hätte ich ein erfüllteres Leben gewünscht, eines, das näher dran gewesen wäre an ihren Wünschen und Träumen, ihrem Wesen. Zugleich konnte ich mich mit denen mitfreuen, deren Lebensweg summa summarum gut und stimmig gewesen war. Ich verstand mit der Zeit, dass erfülltes Leben nur selten eine Frage des Alters ist. 

 

Überrascht war ich, als mir ein verstorbener Mensch erstmals unsympathisch war. Gar nicht aufgrund der Erzählungen seiner Zugehörigen, sondern in der spontanen Begegnung, als ich zur Einbettung kam. Wir kennen das ja, dass die Chemie zwischen uns und unserem Gegenüber manchmal einfach nicht stimmt. Doch bei Verstorbenen hätte ich mit diesem für mich ohnehin seltenen Phänomen nicht gerechnet. Es ging nie so weit, dass ich meine Pflicht nicht getan hätte. Ich habe ausnahmslos alle so gut versorgt, wie ich konnte. Doch manchmal war ich einfach froh, wenn der Sarg zu war und ich gehen konnte. Es kam auch vor, dass ich aus diesem Grund ablehnte, eine Traueransprache zu halten. Eine Entscheidung, die meines Erachtens für beide Seiten richtig ist. 

 

Immer wieder werde ich gefragt, ob es nicht eklig sei, Verstorbene zu versorgen. Damit hatte ich glücklicherweise nie Probleme. Egal, in welchem Zustand sie waren, ich habe das immer als natürlich empfunden oder als logische Folge ihrer Todesumstände. 

Manchmal hat es mich Überwindung oder Mut gekostet, einen Leichnam anzufassen, bei massiven Verletzungen, nach langer Liegezeit oder bei Besiedelung mit Maden etwa. Auch kam es vor, dass ich überfordert war und schlicht nicht wusste, wo ich anfangen sollte, um einen würdevollen Zustand herzustellen. Mancher Anblick hat mich erschüttert – ein faustgroßer Dekubitus zum Beispiel oder als ich das erste Mal gewahr wurde, dass Menschen Kot erbrechen können. Doch abgestoßen hat mich all das nicht. Mich erstaunt das selbst, da ich aus meinem sonstigen Leben durchaus Ekelgefühle kenne. 

 

Anfangs fiel es mir schwer, die invasiven Dinge zu tun, die im Rahmen einer Verstorbenenversorgung notwendig oder sinnvoll sein können. Etwa, Rachen und Nasenraum mit absorbierender Watte zu verschließen, damit keine Körperflüssigkeiten austreten können. Oder sogenannte Augenkappen einzusetzen, damit der Augapfel unter dem Lid natürlich rund und nicht eingesunken wirkt. Auch das Nähen von Wunden oder das Nacharbeiten bei schlechten Obduktionsnähten kostete mich anfangs Überwindung. Ich habe auch gelernt, eine Ligatur zu legen, also durch einen kleinen Eingriff mit Nadel und Garn Ober- und Unterkiefer unsichtbar aufeinander zu binden, so dass der Eindruck eines natürlich geschlossenen Mundes entsteht. Keine andere Methode, die ich im Laufe der Jahre kennenlernte, brachte ein vergleichbar zufriedenstellendes und verlässliches Ergebnis. Dennoch war ich froh, als ein Mitarbeiter etwas Neues austüftelte: Es werden Mullbinden in unterschiedlicher Länge verwendet, um sie als kleine Stütze unter dem Kinn zu platzieren. Mit einem schlichten Halstuch in zur Kleidung passenden Farbe wird die Binde kaschiert. Das funktioniert tatsächlich fast immer, und ich begann, die Ligatur nur noch in Ausnahmefällen zu legen. 

Ein solcher Fall war die Aufbahrung eines bekannten Architekten. Sein Sarg war vor dem Trauergottesdienst offen in der Kirche aufgebahrt, und es wurden mehrere hundert Trauergäste erwartet. Er lag stattlich und friedlich da, das Kinn ruhte auf einer Mullbinde, verdeckt von einem Halstuch, das farblich perfekt auf seinen dunkelbraunen Anzug abgestimmt war. Ich war sehr zufrieden und begann, die Kirche für die Feier zu dekorieren. Da kam eine seiner Töchter, um nach dem Rechten zu sehen und letzte Dinge abzusprechen. Sie betrachtete ihren Vater lange und sagte dann: „Das Tuch irritiert mich. Das passt nicht. Mein Vater hätte nie ein Halstuch getragen.“ Ich erklärte ihr den Grund für das Tuch und zeigte ihr, dass sich sein Mund öffnet, wenn wir die Mullbinde entfernen. „Gibt es da keine andere Methode?“, wollte sie wissen. Ich erklärte ihr, dass ich den Mund auch mithilfe einer Ligatur schließen könne. „Dann machen Sie das! Schnell! Meinem Vater waren Ästhetik und Perfektion unendlich wichtig, ich weiß, dass das in seinem Sinne ist.“ Glücklicherweise hatte ich immer alle Versorgungsutensilien im Auto und konnte sofort zur Tat schreiten. Mit klopfendem Herzen legte ich die Ligatur, während die Tochter an der Kirchentür Schmiere stand, damit während des Eingriffs niemand unvorbereitet hinzutreten konnte. Sie war sehr glücklich mit dem Ergebnis. Und ich verstand einmal mehr, dass es auch in dieser Frage nicht das immer Richtige und das immer Falsche gibt, sondern dass zu verschiedenen Menschen Verschiedenes passt – auch im Tode.

Sicher bin ich, dass die meisten von uns gefühlsmäßig vom lebenden auf den toten Menschen schließen und daher Mühe haben mit allem, was schmerzhaft, gefährlich, unangenehm oder störend wäre. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen, wenn uns Verstorbene anvertraut werden.

 

Ich durfte im Laufe der Zeit viele, viele Menschen versorgen, einkleiden und in ihren Sarg betten – es ist immer etwas Besonderes geblieben, auch wenn sich selbstverständlich und glücklicherweise Routinen eingestellt haben. Keine Verstorbenenversorgung gleicht der anderen, jede ist ein einzigartiges und individuelles Ereignis, das für mich auch einen heiligen und geheimnisvollen Aspekt hat.