Knick in der Optik

von Barbara Rolf, 2021

Vor langer Zeit erzählte mir eine Freundin, deren Vater Kieferchirurg war, dass er Passanten mit markanten Über- oder Unterbissen manchmal zurief: „Das kann man richten!“ Er konnte niemanden ohne seine berufliche Brille betrachten. 

Das fand ich damals unglaublich witzig und auch ziemlich skurril. 

 

Jahre später ging es mir genauso, und ich musste wiederholt an diesen Arzt denken. Ich sah Menschen, wo auch immer sie mir begegneten, aus meiner Perspektive als Bestatterin. 

Kam mir ein sehr großer Mensch entgegen, dachte ich an Särge in Überlänge, begegnete ich einer besonders beleibten Person, hoffte ich, dass ich sie mal nicht aus einer Wohnung im vierten Stock in einem Haus ohne Aufzug abholen müsste. Bei Menschen, die stark verkrümmt waren, fragte ich mich, wie man sie in einen normal breiten oder normal hohen Sarg einbetten könnte, und wenn jemand von sehr kleinem Wuchs war, überlegte ich, ob man dennoch einen Sarg mit der Standardlänge von zwei Metern verwenden würde.  

Ging ich durch schmale Türen, enge oder vollgestellte Treppenhäuser, Gärten mit steilen und langen Steintreppen oder benutzte ich extrem enge Aufzüge, malte ich mir die Hausabholung eines Toten unter diesen besonderen Umständen in den schillerndsten Farben aus. 

 

Erzählten mir Freunde von Urlauben auf kleinen Inseln, fragte ich mich zuallererst, was die dort wohl mit ihren Toten machen. Wohin mit den Gräbern, wenn der Platz kaum für die Häuser reicht? 

 

Auch meinen eigenen Todesfall dachte ich ganz selbstverständlich mit. Reiste ich zum Beispiel in ein muslimisch geprägtes Land, in dem es weit und breit kein Krematorium gab, hoffte ich inständig, nicht ausgerechnet dort das Zeitliche segnen zu müssen. Denn schon vor langer Zeit habe ich für den Fall, dass ich im Ausland sterbe, verfügt, dass ich an Ort und Stelle eingeäschert werde. Ich möchte weder einbalsamiert noch in einen Zinksarg gelegt und auch nicht als Flugfracht transportiert werden. 

 

Es gab auch Augenblicke, in denen ich wirklich sehr ungern gestorben wäre, weil mein äußeres Erscheinungsbild so war, dass ich das weder Notärztin noch Bestatter gern offenbart hätte. Die Zusammenstellung meiner Kleidung im nicht sichtbaren Bereich etwa oder aus Zeitnot vernachlässigte Rasuren … Als ich den so erschütternden wie urkomischen Song „Gieß die Blumen vor dem Suizid“ der Kabarettistin Gabriele Busse hörte und so erfuhr, dass auch andere solche Gedanken hatten, fühlte ich mich ertappt und musste herzlich lachen. Dort heißt es unter anderem:

Gieß die Blumen vor dem Suizid, 

damit die Nachwelt keine trocknen Blumen sieht. 

Wechsle die Unterhose vor dem Suizid, 

damit der Notarzt nicht was wirklich Schlimmes sieht.  

Weil das ja das Erste ist, was so ein Notarzt kontrolliert. 

Mach alles perfekt bis zu deinem Suizid, 

damit die Welt keine deiner Schwächen sieht.

Heute sehe ich diese Dinge gelassener, sie wären mir weniger peinlich. Außerdem habe ich inzwischen gelernt, mich auch um mich und nicht nur um andere zu kümmern. 

 

Während all das zumindest auch eine humoristische Seite hatte, fand ich meine zum Glück seltenen Vorahnungen zum Tod von Menschen unheimlich. Da dachte ich an einen Freund, empfand Sorge um sein Leben, schob den Gedanken jedoch als lächerlich beiseite. Am nächsten Morgen erhielt ich den Anruf seiner Frau, sie habe ihn tot im Bett gefunden. 

Etwas Ähnliches ereignete sich im Kontext einer Vorsorgeberatung. Ein Mann im besten Alter betreute eine hochbetagte alleinstehende Dame. Er regte an, sich zu dritt zu treffen, um ihre Wünsche in Bezug auf ihre Bestattung festzuhalten. Es war eine schöne Begegnung. Einzig irritierte und störte mich ein Gedanke, der permanent mitschwang: „Wir reden über die Falsche. Wir sollten über seine Bestattung sprechen.“ Wenige Monate später verstarb er an einer hochaggressiven Krebserkrankung. 

 

Nachts ließen mich die Verstorbenen lange unbehelligt, doch irgendwann stahlen sie sich doch in meine Träume. 

So träumte ich zum Beispiel, dass fertig versorgte und eingebettete Tote aus ihren Särgen kletterten, im Krematorium herumliefen und keine Lust hatten, meiner Anweisung Folge zu leisten, sich wieder hinzulegen. 

Ein Verstorbener klagte, sein Arm tue ihm weh, ich solle etwas dagegen unternehmen. Seine Trauerfeier stand unmittelbar bevor, Menschen liefen schon auf das Friedhofsgebäude zu. Ich flehte ihn an, still zu sein. 

Ich träumte von Anrufen, man warte am Friedhof auf mich und meine Ansprache. Ich hatte den Termin vergessen und kein Wort zu Papier gebracht. 

In einem Traum wurde ich mit einer berühmten Chirurgin verwechselt. Man flog mich mit einem Hubschrauber nach Frankreich, wo ich einen Prominenten, der in Lebensgefahr schwebte, am Gehirn operieren sollte. Ich rief immerzu, dass ich Bestatterin sei, dringend zum Friedhof müsse und keine Ahnung von Chirurgie habe, doch niemand hörte mich. Im Operationssaal, als ich mit einem Skalpell in der Hand am Kopf des Mannes stand und jemand sagte: „Sie müssen jetzt anfangen“, wachte ich endlich auf.

Heute weiß ich, dass sich in diesen Träumen die Überforderung spiegelte, die jahrelang meine ständige Begleiterin war.

 

Seit ich meine Arbeit maßvoller mache und es in meinem Leben wieder ein größeres Themenspektrum gibt, hat sich der Knick in meiner Optik auf ein deutlich bekömmlicheres Maß reduziert.