Geburt und Tod
von Barbara Rolf, September 2018
Seit über 15 Jahren habe ich tagtäglich mit Sterben, Tod und Bestattung zu tun. Nun hat es mich durch die Geburt unserer Tochter mal vom Lebensende an dessen Anfang verschlagen. In den letzten Monaten stellte ich immer wieder verblüfft fest, wie viele Parallelen es gibt in diesen auf den ersten Blick so gegensätzlichen Situationen. Davon möchte ich heute ein bisschen berichten.
Zunächst gibt es ganz unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen, Grundeinstellungen zu diesen Lebensereignissen, aus denen wiederum ganz verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten resultieren. Da ist es von Vorteil, möglichst viel zu wissen, sich damit schon mal auseinandergesetzt und eine Haltung dazu zu haben. So kann man die für sich richtigen Entscheidungen treffen und die Wege einschlagen, die zu einem passen.
Immens wichtig sind gute Begleitende und Beratende, Menschen, die sich auskennen, die es gut mit einem meinen, die zuerst mich und nicht ihr eigenes Interesse im Blick haben, die mir etwas zutrauen, die mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe, sondern mich fragen, was mir wichtig ist, die da sind, wenn ich sie brauche, und die mir auch Freiraum lassen können.
Eine große Rolle spielt das Umfeld, die Familie, der Freundeskreis, die Bekannten. Wer macht mir Angst, wer macht mir Mut? Wer will mir seine Geschichte (die meist eine Horrorgeschichte ist) aufdrücken, als ob diese Allgemeingültigkeit hätte, wer interessiert sich für meine Gedanken? Wer hindert mich, wer will und kann mich unterstützen?
Beides, das Sterben und die Geburt sind existentielle Erfahrungen, die einen an und über Grenzen führen, die erschütternd, beängstigend und unendlich schmerzhaft sein können, aber auch total beeindruckend, erfüllend und schön. Beides verändert unser Leben ganz grundlegend, beides verändert uns. Beides ist etwas Natürliches, in seiner Allgemeinheit fast Banales, zugleich ist es etwas Unbeschreibliches und Einzigartiges.
Auch die Situation des sterbenden Menschen ist vergleichbar mit der Situation des Menschen, der zur Welt kommt. Beide stehen auf einer Schwelle, deren "Dahinter" sie nicht kennen. Sie müssen in blindem Vertrauen einen Schritt wagen, von dem sie nicht wissen, wohin er führt. Diesen Schritt müssen sie alleine gehen. Es gibt keine Wahl, kein Zurück und kein Später.
Durch die herzzerreißenden Trauerfälle in meinem Leben und durch die gewaltigen Geburtsschmerzen bekam ich eine Ahnung davon, was wir tragen und bewältigen können. Nie hätte ich das für möglich gehalten, hätte ich es nicht am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren. Ich bin für diese Erfahrungen dankbar und möchte sie nicht missen.
Für mich war in beiden Situationen wichtig, davon zu berichten, das, was ich erlebt habe, mit anderen zu teilen. Und auch die Anteilnahme meiner Mitmenschen spielte für mich eine bedeutende Rolle – die Mittrauer angesichts des Todes und die Mitfreude über das neugeborene Kind.