Die Toten (1)
von Barbara Rolf, 2022
Meinen ersten Verstorbenen werde ich wohl niemals vergessen. Ich war Praktikantin bei einem sehr umsichtig arbeitenden Bestattungsunternehmen, als der Trauerfall eines noch jungen Mannes gemeldet wurde. Mein erster Toter aus der beruflichen Perspektive. Wenn ich mich richtig erinnere, war er an den Folgen einer Leberzirrhose verstorben. Ein Punker mit Irokesenschnitt, stark tätowiert und gepierct, Fan von Lederklamotten und lauter Musik. Er wirkte tough und unglaublich zerbrechlich auf mich, und ich schloss ihn auf Anhieb ins Herz, obschon wir verschiedener kaum hätten sein können.
Auf dem Weg zu seiner Abholung aus der Pathologie eines großen Krankenhauses schlug mein Herz bis zum Hals. Ich wollte das unbedingt hinkriegen, hatte jedoch unglaubliche Angst davor. Zum Glück war der Bestatter, den ich begleitete, die Ruhe selbst, ein geduldiger, heiterer, zugewandter Mensch, der mir Mut machte und mir immer wieder sagte, ich müsse gar nichts tun, wenn es nicht geht.
Auf die Räumlichkeiten der Pathologie war ich nicht vorbereitet. Niemals hätte ich mir so lieblose, kalte, grässliche Räume vorstellen können für unsere Toten. Der Mann, der kam, um uns den Verstorbenen auszuhändigen, war furchteinflößend in seinem Desinteresse. Zugleich tat er mir leid, weil er resigniert wirkte. „Name?“ „Ah, der, gut, dass der wegkommt, der sifft hier alles voll.“ Ich traute meinen Ohren nicht, und mir wurden die Knie weich. Er öffnete eine riesige Kühlbox, ich sah zahlreiche Füße, an denen Zettel hingen - wie im Film, nur noch viel grotesker. Wir platzierten den Sarg unterhalb unseres Verstorbenen, und ehe irgendjemand von uns etwas tun konnte, zog ihn der Pathologie-Angestellte am Fuß mit einem Ruck aus dem Kühlfach, und der Leichnam landete unsanft im Sarg. Durchaus gekonnt. Doch so entsetzlich, dass ich schreien wollte und sofort ins Freie gehen musste. Ich glaube, in diesem Moment entschied sich mein beruflicher Weg. Den Bruchteil einer Sekunde sagte ich mir: Ich haue ab, das geht einfach nicht, das tue ich mir nicht an. Und dann kam der Gedanke, der bis heute geblieben ist: Das ziehe ich durch. Jetzt erst recht. Damit das anders wird, zumindest für die, die ich bestatten darf.
Wir brachten ihn ins Bestattungsinstitut, und von da an wurde es besser. Der Bestatter erklärte ihm, wo er jetzt sei, wer wir seien und was wir jetzt mit ihm machten. Ich dachte, er wäre verrückt. Doch zugleich berührte und beruhigte es mich. Als der Verstorbene auf dem Versorgungstisch lag, wusste ich, dass es jetzt behutsamer, langsamer und menschlicher zugehen würde. Ich hatte noch immer weiche Knie, konnte aber dabeibleiben.
Anfangs klebte ich an der Wand und sah nur zu. Dann bat mich der Bestatter, ihm beim Entkleiden des Toten behilflich zu sein. Oha. Solange es ging, vermied ich, ihn zu berühren, fasste ihn nur an seiner Kleidung an. Doch irgendwann funktionierte das nicht mehr, und ich griff nach seinem bloßen Arm. Die Kälte durchfuhr mich wie ein Stromschlag und nahm meinen ganzen Körper ein. Es dauerte Tage, bis dieses Gefühl wieder vollkommen verschwunden war.
Als wir ihm seine Lederkleidung anzogen und ihn dabei aufrichteten, entwich Luft, die seine Stimmbänder bewegte, so dass er recht laut stöhnte. Was für ein Horror. Der Bestatter erklärte mir, wie das zustande kommt, doch ich brauchte ein paar Sekunden, um mich wieder zu beruhigen. Beim Überstreifen des T-Shirts öffnete sich ein Auge. Auch das erschreckte mich. Er sah dadurch so lebendig aus. Zugleich gruselig, weil der Blick ja gebrochen war.
Als ich dachte, wir seien fertig, hatte ich mich geirrt. Der Bestatter hielt mir eine Menge Ohrringe und andere Piercings entgegen. In der Klinik waren sie ihm abgenommen worden. Es sei der Wunsch seiner Lebensgefährtin, dass er die wieder anbekommt. Mit zitternden Händen begann ich, ihn zu bestücken. Eines der Löcher war inzwischen zugewachsen oder verklebt. Der Bestatter durchstach es mit einer Nadel, ich hielt den Atem an und bewunderte ihn zutiefst. Das hätte ich zu diesem Zeitpunkt unmöglich fertiggebracht.
Wir legten den Verstorbenen in einen ganz schlichten Holzsarg und brachten ihn in einen wunderschönen Aufbahrungsraum. Er sah unglaublich friedlich und beeindruckend aus. Er schien sich wohlzufühlen, doch damals wischte ich diesen Gedanken als absurd beiseite. Er blieb viele Tage in diesem Raum, veränderte sich kaum und bekam sehr viel Besuch. Auch von mir. Es war mir wichtig, ihn immer wieder zu sehen, und ich nahm wahr, wie er allmählich zur Hülle wurde. Seine Beerdigung, er wurde nicht eingeäschert, damit er seine Lederkluft anbehalten konnte, war laut und bunt und anders als alles, was ich bislang auf Friedhöfen erlebt hatte. Sogar Hunde waren dabei. Seine eigenen und die seiner Freunde. Die Stadtverwaltung hatte hier eine Ausnahme gemacht, nachdem der Bestatter die Wichtigkeit der Tiere in diesem Fall dargelegt hatte. Das Verhalten seiner Hunde ging mir unter die Haut. Ich durfte die Musik einspielen, war unglaublich aufgeregt und glücklich. Und ich war erleichtert, als wir den Friedhof verließen und ich mit diesem Trauerfall abschließen konnte.