Auch wenn ich Nein sage, kann da Liebe sein. Trauer um ein abgetriebenes Kind
von Barbara Rolf, März 2025
Kinder, die aufgrund eines Schwangerschaftsabbruchs versterben und diejenigen, die um sie trauern, sind in unserer Welt besonders unsichtbar. Der frühe Zeitpunkt des Todes, das gesellschaftliche Tabu, mitunter die Scham oder Angst, davon zu erzählen, das mangelnde Bewusstsein für die Trauer um diese Kinder und daraus resultierend die mangelnden Angebote, sie gut zu verabschieden und gegebenenfalls auch zu bestatten.
Als die ersten jungen Eltern zu mir kamen, die die Bestattung ihres Kindes vorbereiten wollten, dessen Abtreibung bevorstand, war ich überrascht. Sie waren tieftraurig, hatten sich liebevolle Gedanken für Pauls Abschied gemacht und belehrten mich eines Besseren. Nein zum Austragen einer Schwangerschaft heißt keineswegs automatisch, dass da keine Liebe, keine Beziehung und kein Schmerz sind.
Vor einiger Zeit kam ich wieder mit diesem Thema in Berührung, dieses Mal im privaten Kontext. Wieder habe ich neue, wichtige Erfahrungen gemacht. Und wieder wuchsen in mir der Wunsch und die Überzeugung, dass wir hier noch viel zu tun haben, als Gesellschaft, im medizinischen Bereich und als Bestattungsbranche
Zum Glück hatte die Bekannte es mir gesagt, bevor wir für ein paar Tage zusammen unterwegs waren: dass sie schwanger ist und das Kind nicht behalten wird.
Keine Ahnung, wie ich sonst mit den Situationen umgegangen wäre, die daraus entstanden. Mit der Müdigkeit, der Schwäche, der ständigen und der plötzlichen Übelkeit, der Traurigkeit, den vielen Tränen, die flossen, lautlos und unter Schluchzen. Mit der Dünnhäutigkeit, dem Bedürfnis nach Pausen, körperlichen, geistigen, seelischen.
Vermutlich hätte ich mir Sorgen gemacht, sie mit Nachfragen genervt, spekuliert, was los sein könnte.
Weil ich es wusste, konnte ich auf ihre Signale reagieren. Da sein, wenn sie reden wollte. Ihr Raum lassen, wenn sie mit sich, ihrer Schwangerschaft und dem ungeborenen Leben allein sein wollte. Aufgaben übernehmen, wenn ihr schlecht oder schwindelig war.
Es war das erste Mal, dass ich – wissentlich – so nah dran war an einer selbstbestimmt beendeten Schwangerschaft, und ich durfte viel lernen.
- Dass es sich nicht ausschließt, große Liebe für ein Kind zu empfinden und es trotzdem nicht zu bekommen.
- Dass der Körper sich nicht dafür interessiert, dass der Kopf den Abbruchtermin kennt – die schwangere Frau geht durch alles hindurch. Nur ohne die Linderung durch die Vorfreude auf das Kind.
- Dass viele Menschen die Trauer um das ungeborene Kind aberkennen, weil die Entscheidung doch freiwillig war.
- Dass gefühlt die halbe Welt meint, ein Mitspracherecht zu haben und eine auch für diese Frau und diese Schwangerschaft relevante Meinung.
- Dass die Praxis, die täglich mehrere solcher Eingriffe vornimmt, die Mütter (und die wenigen Väter, die dabei sind) nicht fragt, was mit der Leibesfrucht geschehen soll. Als wäre mit der Entscheidung für eine Abtreibung automatisch auch die für eine Entsorgung getroffen.
- Dass es schön war, sie bei ihren Überlegungen zu unterstützen, wie sie kommunikativ, rituell und ganz praktisch mit all dem umgehen möchte. Sie zu ermutigen, das für sie Richtige konsequent zu tun. Ohne Scheu, ohne Angst, andere vor den Kopf zu stoßen oder sich auch nur zuzumuten.
- Dass es auch schwer war, für einige Zeit von dem Strudel dieser emotionalen Achterbahnfahrt gestreift zu werden. Mitzufühlen. Selbst einen Kloß im Hals zu haben, beim Wahrnehmen ihres Schmerzes, ebenso bei meinen eigenen gedanklichen Ausflügen zu diesem Leben und zu dem Menschen, der sich daraus entwickelt hätte.
An einem Tag waren wir draußen unterwegs, die Luft noch kalt, die Sonne schon wärmend. Als ich mich zu ihr umdrehte, um ihr etwas zu zeigen, sah ich zum Glück rechtzeitig, dass sie unter einem Baum saß, die Augen geschlossen, das Gesicht der Sonne zugewandt. Sie wirkte ganz versunken – in Kontakt mit sich, dem Leben, ihrem Kind. Ich war sicher, dass dieser Moment wichtig ist, setzte mich an Ort und Stelle auf den Boden, entschlossen so lange zu warten, bis sie von sich aus auf mich zukommen würde.
Meine Hände wanderten über den Boden, fanden Moos, Holz, Blätter und Steine. Plötzlich hatte ich den Impuls, diesem Kind meinerseits Lebewohl zu sagen. Ihm zu danken für das, was ich durch es erfahren, lernen und verstehen durfte. Einen Ausdruck für mein Mitgefühl und meine eigene Wehmut zu finden. Ihm einen Platz zu geben, der nicht in dieser Welt sein wird und doch ein guter ist.
So bettete ich einen der Steine, die ich gefunden hatte, auf ein kleines Stück Moos. Noch heute staune ich, wie viel Frieden mir diese kleine Geste schenkte, wie stark dieses Bild auf mich wirkte – und es bis heute tut. Viele Monate hatte ich dieses „Bettchen“ im unmittelbaren Blickfeld. Nun hat es einen neuen, wohl endgültigen Platz gefunden: inmitten unserer Pflanzen.